Der leise Tag war schon entschwebt,
Bevor ich meine Augen aufgeschlagen,
An meinem Fenster eine Spinne webt
Ein Netz aus ungezählten Fragen.
Ich sah in keinem Augenblick
Die Sonne lachen, wärmen, brennen,
Die Spinne lauert am seidenen Strick,
Ich möchte ihre Seele kennen.
Geduld erfahre ich durch dieses Tier,
Das im Winde baumelt und Stille
Als goldene Aura trägt vor mir,
Der ich gebannt bin ohne Wille.








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Der leise Tag war schon entschwebt,
Bevor ich meine Augen aufgeschlagen,
Das heißt erst einmal, dass unser lyrisches Ich den Tag verschlafen hat, also abens wach wird.
An meinem Fenster eine Spinne webt
Ein Netz aus ungezählten Fragen.
Die Situationsbeschreibung geht hier weiter. Das Ich sieht eine Spinne. Das Problem ist der letzte Vers: die Spinne webt nun mal kein Netz aus ungezählten Fragen! Ein sprachliches Bild verbindet verschiedene(!) Vorstellungsbereich miteinander. Hier ist dies nicht so: eine Spinne webt Netze.
Das Betrachten dieses Vorgangs kann beim lyrischen Ich zwar durchaus ungezählte Fragen aufwerfen, gewiss, aber so wie es dasteht ist es ein schiefes Bild.
Ich sah in keinem Augenblick
Die Sonne lachen, wärmen, brennen,
Die Spinne lauert am seidenen Strick,
Ich möchte ihre Seele kennen.
Die zweite Strophe bleibt mir unverständlich. Ich kann keinen Zusammenhang zwischen den jeweiligen Aussagen herstellen. Die Seele der Spinne? … Zudem wird hier das Netzbild der ersten Strophe wieder fallen gelassen, da die Spinne jetzt an einem Faden von der Decke zu hängen scheint.
Geduld erfahre ich durch dieses Tier,
Das im Winde baumelt und Stille
Als goldene Aura trägt vor mir,
Der ich gebannt bin ohne Wille.
Die Botschaft: “Die Geduld dieses Tieres erscheint mir beneidenswert/ erstrebenswert” kommt zwar an, aber ich frage mich, warum das Ich willenlos ist, oder ist dies vor allem dem Reim geschuldet?
Insgesamt wirkt der Text auf mich zu unausgewogen. Grundsätzlich fällt er ja in die Kategorie “gleichnishafter Vorgang” D.h. ein Vorgang aus der Natur wird beschrieben und dann eine “Lehre” daraus gezogen. Dies gelingt aber nur, wenn die Vorgangsbeschreibung gut gelungen ist und dann die Verallgemeinerung am Schluss folgt: dass vor den Augen des Betrachters das Bild zum Leben erweckt wird, um DANN die Verallgemeinerung besonders überzeugend wirken zu lassen.
Es ist auf jeden Fall interessant, zu sehen, auf welche Art du interpretierst, welche Gedankengänge und Schlussfolgerungen du hast.
Gerne würde ich wissen, ob du Gedichte, Texte o. ä. generell bewertest oder ob es auch welche gibt, die einfach Bilder in dir hervorrufen-ohne diese genauer in Frage zu stellen.
Ich frage aus dem Grund, weil es für mich Gedichte, Texte etc. gibt, bei denen ich bsp.weise an einzelnen Worte oder logischen Schlussfolgerungen hängen bleibe (du weißt schon…“niemals“…“einmal“), aber wohl eher, weil ich einen Unterschied für mich klären möchte-in diesem Fall sehe ich aber keinen bildhaften Ablauf in mir. Sollte ich einen beim Lesen sehen, ist dieser das wesentliche Kriterium für mich.
Ich kann mir ein Netz aus ungezählten Fragen beispielsweise sehr gut vorstellen, vielmehr sehe ich es beim Lesen.
Das Gedicht ist in meinen Augen durchweg in „Bildersprache“ geschrieben, ja, in beweglichen,in sich übergehenden Bildern.
Aber so sind die Auffassungen unterschiedlich und ich habe auch versucht, mich in deine reinzudenken…
Danke für Deine Frage, Viviane.
Für mich ist ein Gedicht ein Text – also etwas grundsätzlich in sich Geschlossenes. Das bedeutet nun nicht, dass sich jede Zeile des Textes “erklären” lässt: im Gegenteil –> wenn sich das, was ein Gedicht sagt, auch anders sagen ließe, bräuchte es das Gedicht nicht!!
Aber ich halte z.B. nichts davon, aus einem Gedicht einzelne Formulierungen aus dem Textzusammenhang(!) herauszunehmen– alles bekommt seinen Sinn durch den Zusammenhang, in dem es steht. Natürlich ist ein Lesen einfacher, welches sich auf einzelne poetische Bilder bezieht und diese nicht unbedingt im Textzusammenhang sieht. Irgendwie ist es auch nicht verboten so zu lesen :-) , denn was der Leser mit dem Text macht, darauf hat der Autor keinen Einfluss mehr. Ich finde allerdings, dass man als Autor versuchen sollte, einen (lyrischen) Text zu verfassen – also ein Gebilde, welches durch seinen inneren Zusammenhang besticht.
Interessanter Weise genügen die Texte der großen/ bekannten Lyriker durchaus diesen Kriterien. Es gibt natürlich auch Texte, zu denen ich keinen ZUGANG habe – aber sie sind in sich nicht widersprüchlich …
Danke erstmal für deine Antwort bzw. Beantwortung meiner Frage!
Also ich versuche das gerade zu verstehen und ich denke, ich kann es nachvollziehen, aber an entscheidender Stelle gibt es da eben doch einen Unterschied..für mich kann ein Gedicht auch und vielleicht gerade erst durch seine in mir hervorgerufen Bilder rund werden. Der Kreis schließt sich dadurch-für mich.
Wir haben daher wohl zwei verschiedene Ausgangspunkte: für mich ist ein Text nichts Geschlossenes, Festes. Ein Zusammenhang klingt für mich auch sehr fest,starr. Du nennst es Gebilde, ich nenne es Fülle an beweglichen Bildern. Für mich wird das Fundament, die Sinnhaftigkeit oder der Sinn eben erst durch seine Bilder erweitert, beweglich. Und sollte dies geschehen, fühle ich mich von einem Gedicht berührt-das ist dann für mich persönlich das Gesamtbild.
Aber gut, das ist ist nur meine Meinung..ich habe mich ja versucht, in deine reinzudenken, vielleicht versucht du es ja auch bei meiner Variante-oder kannst sie zumindest akzeptieren ;-)
Das einzig Wunderbare an Gedichten war und bleibt für mich die Möglichkeit des “Künstlers”, sich auszudrücken und dennoch nichts zu sagen. Oder eben umgekehrt: Sich unverständlich auszudrücken und zugleich die Seele vor dem Leser zu entblößen. Leider(?) merkt der Lyrik-Destruktor das nicht. Aber das wiederum ist das Wunder-bare…
Zusatz: Wenn ich nur “Vorgänge der Natur” beschreiben wollte, dann würde ich ein neues Kosmosbuch herausbringen. Aber “Die Spinne” gibt es schon längst, darum schreibe ich dann doch lieber Gedichte ohne Sinn und Verstand. Ich finde, dass du interessante Fragen aufwirfst, aber wenn du ein Bilderbuch der Sprache quasi mit der binomischen Formel oder dem Gay-Lussacschen Gesetz erklären möchtest – das ist nicht vereinbar. Wenn du dir nun weiter vorstellst, dieses besagte Bilderbuch der Sprache einem Kind vorzulesen, wird es dich als Papa oder Kindergärtner nicht besonders schätzen… Weil du alle Illusionen zerstörst und hinter allem einen rationalen Sinn vermutest. Das jedoch, lieber demmrink, ist eine Herangehensweise an das Leben, die es dir unmöglich macht, Bilder zum Leben zu erwecken. Du irrst dich nämlich vollkommen, wenn du glaubst, dass der Künstler die Aufgabe oder gar die Absicht hat, dir Bilder zu malen. Er ist ein Ego-Schwein, welches egozentrisch Tagebuch führt. Wenn dieses Tagebuch allerdings gut verpackt ist (=Bilderbuch), dann freuen sich die Kinderlein! Manchmal ist es eben besser die Augen zu schließen und zu genießen, anstatt zu glotzen, bis die Augen brennen. Zu deiner “Verteidigung” möchte ich aber noch sagen, dass du ja nicht wissen kannst, wer die Spinne eigentlich ist :-) Das weiß nur ich allein, bis ich es verrate. Das wiederum wäre dumm, weil kein guter Zauberer seine Tricks verrät.
@viviane wenn ich von “Text” rede, meint das nicht, dass dieser “geschlossen” sein muss im Sinne von durchrationalisiert. Das schließt inhaltlicheOffenheit nicht aus, ABER der Text selbst legt eben die “Spielregeln” fest, nach denen seinen einzelnem Bestandteile “Bedeutung” erlangen.
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@frederic mir ist dein einwand/ hinweis nicht ganz klar: sich ausdrücken und dennoch nichts sagen. Ist es Dein Ziel, nichts zu sagen??
Sich unverständlich ausdrücken – Dein Ziel?
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der falke
.
schlaglicht umfängt den falken,
der durch das tor der dunkelheit
sicher glaubte
zu ziehn seiner wege.
.
schlaglicht fängt den falken
der wie ein tor
sicher glaubte
die wege.
.
schlaglicht.
der falke -
zerschmettert.
@demmrink: wie gesagt, ich versuche mich ja in deine Sicht reinzudenken…
Ich habe da aber irgendwie eine andere Sicht der Dinge, eine andere Definition für “Bestandteile” oder “Zusammenhang”.
Ein Text kann meiner Meinung nach auch in sich neue “Spielregeln” aufbauen, so kann man sicher in bestimmten Fällen auch “über Eck” spielen-
auch das sind in meine Augen Teil der “Fülle an beweglichen Bildern”…
..und ich denke, dass diese-andere Seite-der Sicht wichtig ist, um einen Rahmen eventuell ausdehen,erweitern zu können.
Sicher ist es möglich, dadurch einen anderen, eigenen Schliff zu erzeugen…
@demmrink: Natürlich ist es nicht meine Absicht, mich unverständlich auszudrücken. Aber die “Lyrik”, die ich erschaffe, ist auch nicht mit der Absicht entstanden, dir deine Lieblingsbilder vorzumalen. Wir hatten zuvor schon darüber diskutiert und den “Dorn im Auge” Tagebuch oder so ähnlich benannt. Du erinnerst dich sicher an das Gedicht “Künstler”, was ich vor einiger Zeit eingestellt hatte…
Ich möchte an der Stelle einfach mal sagen, dass ich diesen Austausch wirklich bereichernd finde und er in mir gerade durch seine verschiedenen Blickwinkel nachhallt….
Welche Sicht auch immer, es bewegt sich so mehr und mehr, und genau an solch -entscheidenden Stellen-wächst so etwas wie diese Lyrikseite, festigt sich, ja,–wächst zusammen. Das denke ich zumindest…
Und demmrink: ich habe mich wirklich mit deiner Sicht auseinander gesetzt und versucht, sie nachzuvollziehen. Ich hoffe, dass du uns weiterhin an deinen Gedanken teil haben lässt.
Für mich ist es aber einfach so:…bei einem Gedicht, dass mich in seinen Bildern ganz ergreift, verliert sich für mich jedes Wort und ich könnte wahrscheinlich gar nichts mehr sagen…
PS: meinen Kommentar habe ich anfangs übrigens auf den allgemeinen Austausch bezogen…nicht auf die Äußerung von dir, Frederik…
ich meinte einfach die Tatsache, dass wir hier miteinander sprechen, dadurch eigene Ansichten klarer werden oder sich verändern…meiner Sicht bin ich mir noch immer bewußt…
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