Künstler

Ich bin ein Künstler
Wider meinen werten Willen;
Ich war wohl arg bemüht,
Den Wissensdurst zu stillen.

Doch ist es nicht mein Ziel,
Träume zu erschaffen,
Trotzdem wird´s getan von mir,
Das lässt den Mut erschlaffen,

Selbst zu sein
Und auch zu bleiben.
Anstatt am Hintern der Welt
Mich geifernd zu reiben.

  1. TwitThis
  2. Yigg
  3. Facebook
  4. Webnews.de
  5. del.icio.us
  6. MisterWong.DE
  7. Technorati

{ 6 Kommentare… einen eigenen schreiben }

demmrink 17. Februar 2009 um 10:51

Das Gedicht kann man grundsätzlich zur “Gedankenlyrik” ( http://de.wikipedia.org/wiki/Gedankenlyrik ) zählen. Das ist insofern für eine Bewertung von Bedeutung, dass natürlich der dargestellte Gedankengang nachvollziehbar sein sollte und ggf. diskutiert werden kann und muss.
———–
Ich bin ein Künstler
Wider meinen werten Willen;
Ich war wohl arg bemüht,
Den Wissensdurst zu stillen.
———–

Gedankengang: 1+2: Jemand bezeichnet sich als Künstler, wobei er sich dies nicht ausgesucht hat, sozusagen Kunst als unmittelbares Ausdrucksbedürfnis.
3+4: Ein Rückblick in die Vergangenheit (”war”), dieser jemand bemühte sich a) seinen oder b) der anderen “Wissensdurst” zu stillen. Sprachlich gibt es keinen Hinweis, ob a) oder b) gemeint ist – also eine (produktive?) Leerstelle.
Form: auffällig ist das wechselnde Versmaß ->2hebig+4hebeig+3hebig+3hebig
Sprache: auffällig ist “werter Wille” -> klanglich eine schöne Alliteration, “mein werter Wille” wirkt altertümelnd, was dadurch verstäkt wird, dass es der eigene Wille ist. Es funktioniert allerdings und hat seine Berechtigung, wenn man es als ironische Distanzierung liest. Keine Ahnung ob es so gemeint sein soll – der Rest des Textes spricht für mich aber eher gegen diese These.
——————
Doch ist es nicht mein Ziel,
Träume zu erschaffen,
Trotzdem wird´s getan von mir,
Das lässt den Mut erschlaffen,
——————–
Gedankengang: “Doch” verweist auf einen Gegensatz im Sinne von “aber/ allerdings”. Diesen Gegensatz zur ersten Strophe kann ich inhaltlich nicht finden. Rein inhaltlich wird in der zweiten Strophe der Gedanke der ersten Strophe variiert: jemand will etwas nicht, tut es aber trotzdem. 1. Bin Künstler ->will es nicht 2. Schaff Träume (Kunst) -> will es nicht. Dieser Zustand führt zur Mutlosikeit.
Form: Rhythmus 3hebig+3hebig+4hebig+3hebig
Sprache: die Wendung “Mut erschlaffen” klingt nach Reimzwang, weil eher ungebräuchlich altertümelnd. Ohnen den Reim ließe man den Mut z.B. eher schwinden …
————-
Selbst zu sein
Und auch zu bleiben.
Anstatt am Hintern der Welt
Mich geifernd zu reiben.
————-
In der dritten Strophe ist ja nun zu Recht eine Auflösung, ein Fazit zu erwarten.
Die Strophe führt erst einmal den Gedanken der zweiten unmittelbar fort, auch durch den Satzbau(Komma nicht Punkt!):
“Die Tatsache, dass ich unwillentlich Kunst betreibe, lässt meine Mut schwinden, (ich) selbst zu sein und zu bleiben.”
Diese Aussage verstehe ich inhaltlich nicht, da m.E. die Kunstausübung ja Teil dises Ichs ist, also zu seinem “selbst sein” dazu gehört.
..
Ich betrachte mal die Alternative, dass die Zeichensetzung am Ende der zweiten Strophe nicht so gemeint ist und dort ein Punkt stehen sollte. Dann ergibt die 3. Strophe aber auch keinen Sinn: sie ist den Satzbau betreffend nicht vollständig (Ellipse), der Gedankengang und die Beziehung zum Verhergesagten bleiben sehr diffus. Es ist m.E. davon auszugehen, dass das Ich hier bestärken möchte, sich nicht verbiegen lassen zu wollen, aber der ZUSAMMENHANG zum vorher gesagten erschließt sich mir nicht, will sagen das FAZIT “Ich bleibe wie ich bin, anstatt mich rumzustreiten und in die Niederungen des Lebens zu begeben” passt nicht zu den Strophen davor.
Form: 2hebig+2hebig+3hebig(unregelmäßig)+2hebig
Sprache: keine Auffälligkeiten, ggf. “geifernd” in Richtung altertümelnd

Ich denke, der bisherige Teil ist eine rein sachliche Analyse. Auch die Ausführungen zur Sprache stellen keine WERTUNG dar. Was den Gedankengang betrifft, habe ich versucht das darzustellen, was im Text steht.
Eine Bewertung der Form: Es gibt keinerlei “Vorschrift”, wie der Rhythmus zu gestalten ist. Das ist klar. Aber der Autor hat sich hier erst einmal entschieden, KEINE freien Verse zu schreiben. Daher setzt er dieses Stilmittel auch bewusst ein. Ich persönlich erkenne keinen Grund für die Unregelmäßikeiten im Rhythmus(innerhalb jeder Strophe UND von Strophe zu Strophe) Grundsätzlich ist der Rhythmus ja ein einheitsstiftendes Klangelement. Es gibt auch Gründe, ihn bewusst gegen die Leseerwartung zu setzen: aber dies sollten dann inhaltliche Gründe sein. Diese können mir allerdings auch entgangen sein.
—-
Ich habe mir, verzeih’, die Freiheit genommen, den Text zu variieren. Klar, dass es nicht Dein Text ist. Durch die gegensätzliche Wendung hinsichtlich des Mutes bekommt der Text für mich eine gewisse inhaltliche Logik. Den Rest des Gedankenganges habe ich zu übernehmen versucht, größte Differenz in der 1. Strophe. Verändert wurde das Versmaß.


Ich bin ein Künstler wider Willen
der ständig Neues schafft,
Den Wissensdurst zu stillen,
war meine Antriebskraft.


Nein, es ist nicht mein großes Ziel,
zu schaffen manches Werk,
Es wird getan von mir,
So wird mein Mut gestärkt.


Ich liebe es, ich selbst zu sein
Und möchte es auch bleiben.
Und möcht’ am Hintern dieser Welt
Mich geifernd niemals reiben.

Frederik 17. Februar 2009 um 11:41

Lieber demmrink, vielen Dank für diese tapfere Interpretation / ausformulierte subjektive (dennoch objektiv bemühte) Betrachtung! Am meisten beeindruckt mich deine Variation meines Textes. Hut ab. Mir gefällt das Gedicht nun rein formal besser, jedoch wirst du mir vielleicht glauben, dass mir die Form trotz scheinbar bewusster Verwendung von einheitsstiftenden Klangmitteln ziemlich am Popo vorbei geht. Leider geht bei den meisten Gedichten, die ich hier veröffentlicht habe, der mir völlig eigene(!) Rythmus verloren. Wenn ich könnte, dann würde ich es dir gern vorlesen – ich bin mir sicher, dass du dann nicht mehr so “scharf” darauf wärest, eine Variation meiner Gedankenlyrik zu formulieren… Wie gesagt bin ich dennoch froh über deine intensive Beschäftigung mit den von dir gelesenen Texten.PS: Dich hätte ich gern als tapferen Mitstreiter in meinem früheren Deutsch-LK gehabt, das wäre ein wahres Fest geworden!

demmrink 17. Februar 2009 um 12:47

:-)
Ich glaube auch nicht, dass meinen Variation formal “besser” ist, sie ist anders und führt ggf. den interssierten Mitlesern vor Ohren, welche Wirkung die unterschiedliche rhythmische Gestaltung jeweils hat – ich kann Deinen Text auch so wie er ist zum Klingen bringen – mit einer Ausnahme, der letzten Strophe. Das ist aber deshalb schade, weil gerade das Ende des Textes die “Message” beinhaltet. —

Gruß, und gut Reim :-)

Frederik 17. Februar 2009 um 15:34

Hmm, versuche mal, die letzte Strophe sozusagen “abwärtslallend” zu lesen. Das lyrische Ich (eigentlich ist es kein lyrisches, sondern ein real-reflektierendes, aber egal!) steigert sich kurz in eine Art Weltverbesserungslaune, um dann flapsig den “Arschkriecherkünstlern” einen Wink mit dem Zaunpfahl zu verpassen. Das wiederum ist ziemlich aussichtslos und das weiß das Ich, darum resigniert es und wird leiser. Ohne Intonation, ohne Elan, einfach nur verbittert. Stille. In Silencio Veritas. Oje, mein Latein zerbröckelt gerade ;-)

denis 17. Februar 2009 um 19:35

also…ich muß sagen…demmrinks variante des gedichtes-mich würde interessieren ob du auch selbst schreibst…und was du schreibst? also-lass dich herab- und uns teilhaben!(lach)

demmrink 17. Februar 2009 um 20:55

@denis
gute frage, die nicht mit ja oder nein zu beantworten ist — was heißt schreiben? Ich schreibe nicht reglemäßig, aber
.
ich schreibe dann und wann/
wie’s kommt und jus for fun.

… und vielleicht mal auch hier :-)

Schreibe einen Kommentar

© Copyright 2010 lyrikjob.com | Tipps für Autoren | Impressum | Links | Sitemap | Design von lizardicious.com | Grafiken von zeno.org