Sudor frigidus

Nein, das ist keine neue Kühlschrankmarke.

Sudor frigidus ist die lateinische Übersetzung für „Angstschweiß“ oder „kalter Schweiß“. Eben jener, der beispielsweise Künstler aller Richtungen bei öffentlichen Auftritten plagt.

Wer schon einmal einem Poetry Slam beigewohnt oder bei einer beliebigen Open Mic Lesung gelauscht oder sogar vorgelesen hat, weiß: Lampenfieber gehört dazu.

Während die einen tapfer über sich hinaus wachsen, verzweifeln andere. Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass jemand, der aus seinem Werk vorlesen wollte, unbemerkt vor seinem Auftritt verschwunden ist…

Und dann gibt es noch jene, die sich dem Lampenfieber so sehr Untertan machen, dass sie sich gar nicht erst aus ihrem Traumbüro herauswagen.

Vor allem um Letztere soll es in diesem vom LVQ. Karriere-Blog inspirierten Eintrag in unser kleines Journal gehen.

Das Traumbüro

Kommen wir ohne Abschweifungen zum Punkt.

Wer als Autor/in von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden möchte, der muss sich in eben jene hineinwagen und dort Geschriebenes publizieren.

Und dass man damit nicht immer gut ankommt, gehört zum Publizieren dazu. Aber die Angst vor Kritik ist vielleicht nicht einmal das, was Schreiberlinge in Traumbüros auf der ganzen Erde davon abhält, ihre Texte vorzustellen.

Vielleicht ist es viel eher der mangelnde Umgang mit gesprochener Sprache, vor allem mit der eigenen.

Nicht alle Texte, die geschrieben wirken, funktionieren auch beim Vorlesen auf einer Bühne. Die meisten jedoch schon!

Innerhalb der eigenen vier Wände kann man sich trotz aller Bemühungen kaum etwas ausdenken, was nicht auch für einen fremden Leser verständlich wäre. Ausnahmen; Fantasiesprachen oder im Zuge der Neuen Datenparanoia auch verschlüsselte Texte, von denen man den Schlüssel nicht zur Verfügung hat.

Die geläufige Ausrede, dass „der Text für Nichteingeweihte nicht verständlich sei“, ist kein gutes Argument. Es ist ein Indiz für die eigene Unsicherheit, aber deswegen braucht sich niemand besondere Sorgen zu machen.

Den eigenen Text (im Nachhinein, also z.B. nach einer öffentlichen Lesung) bescheiden zu finden, ist ebenfalls normal. Da wird Applaus abgewunken, da wird man rot, da verschluckt man plötzlich einen halben Satz beim Schlusswort, man stolpert über das Mikrofonkabel, von der Übelkeit ganz zu schweigen.

Im Traumbüro kann nichts schiefgehen, aber man lernt dort auch nichts Neues. Man beginnt, sich zu wiederholen oder schlimmstenfalls im Internet Rat und Beistand zu suchen, z.B. in einem Forum für Schriftsteller oder auf Facebook.

Die Realität da draußen

Wer sich mit den wenigen (jungen) Autorinnen und Autoren unterhält, die sich dann doch auf oben genannte Veranstaltungen trauen, wird rasch erkennen, wer noch einmal eingeladen und wer wiederkommen wird und wem im Verlauf des Abends die meisten Menschen bei Twitter folgen.

Es sind diejenigen, die sich kaum mit ihrem Lampenfieber beschäftigen. Es sind jene, die sich ihrer Schwächen bereits bewusst sind, sich jedoch nicht aus solch unwichtigen Gründen davon abhalten lassen, ihr Wort in die Welt zu tragen.

Die typischen Antihelden also, die stets um ihre Lässigkeit beneidet werden.

Auch sie werden rot und auch sie machen Fehler, verhaspeln sich, blamieren sich vielleicht sogar – aber sie sind im Jetzt und Hier anwesend und machen Literatur. So wie früher in den echten Foren aus Stein unter freiem Himmel.

Und wenn man weiter bohrt, dann erfährt man auch das Geheimnis, welches wir sogar schon angesprochen haben: Sie alle lernen zuallererst, ihre eigene Sprache sprechen zu lernen. Sei es vor dem Spiegel oder auf dem Klo, sie setzen sich beim aktiven Vorlesen kritisch mit ihrem Text auseinander und lernen seine Hürden kennen.

Manche gehen so weit, dass sie ihr Gedicht oder ihr Essay auswendig lernen. Das ist bei geeigneter Hirnkapazität sicher eine tolle Idee, für den Hausgebrauch allerdings zu aufwändig.

Etwas Konkretes zum Schluss

Das hier hilft, unsortiert und ohne Gewichtung:

  • keinen Alkohol vor der Lesung konsumieren (Wasser ohne Kohlensäure ist günstiger und man muss nicht rülpsen, wenn man liest)
  • mit Freunden zusammen hingehen (denn sie klatschen garantiert!)
  • bewusst allein hingehen (gutes Training, nicht bloß gegen Lampenfieber)
  • das Lieblingsbuch laut lesen (das kann man besser genießen als den eigenen Text)
  • über die eigenen Fehler lachen (kommt auf der Bühne – bei wohlwollendem Publikum – von ganz alleine)

Im Rahmen der Blogparade sind drei ebenfalls teilnehmende Blogs aufgefallen, die wir hier besonders hervorheben möchten.

respektspezialistin.de/schlampenfieber/

Das Wort Schlampenfieber dürfte doch schon Grund genug sein, um den Link anzuklicken. Außerdem ist der verknüpfte Artikel mit einem großen Fundus an Tipps und Tricks gegen Lampenfieber gespickt.

pr-perlen.de/souveraen-vor-publikum-11-tipps-fuer-erfolgskritische-situationen/

Elf sehr konkrete Ideen, um mit Lampenfieber besser klar zu kommen. Schön übersichtlich und mit Bildchen.

skriving.de/wordpress/2015/08/28/warum-pingpong-gegen-fiebernde-lampen-hilft/

Ein kurzer und knapper Beitrag, wie wir ihn schätzen. Drei Tipps nur, für Autorinnen und Autoren, für Präsentierende und für Kursleiterinnen und Kursleiter.

Nachschlagen

Und weil auch die beste Theorie erst im Alltag erprobt werden muss, raten wir auf dieser Seite nach dem nächstgelegenen Poetry Slam Ausschau zu halten und dort auch mitzumachen.

Auch in unserem Verzeichnis literarischer Ausschreibungen finden sich einige Wettbewerbe und allgemeine Aufrufe, bei denen sozusagen Anwesenheitspflicht besteht, weil die Auszeichnung der Texte live vor Publikum geschieht.

Dass man die erste Lesung in den meisten Fälle ohne größeren Schaden übersteht, beweisen unter anderem die folgenden Autorinnen, die von ihrem Erlebnis auch freizügig erzählen.

evamariahoereth.de/2014/10/15/meine-erste-lesung-auf-der-bucon-ein-erfahrungsbericht/

Hier erzählt eine Fantasyautorin von ihrer ersten Lesung, bei der eines der Horrorszenarien, vor denen sich vor allem Autorinnen und Autoren fürchten, (fast) Wirklichkeit geworden wäre.

vivianhall.de/Meine-erste-Lesung.html

Feucht-fröhlich ging es offenbar bei dieser exemplarischen Lesung einer Erotikautorin zu… lesenswert.

Zum Abschluss noch ein Zitat:

„Es gibt kein Schicksal, welches nicht durch Verachtung überwunden werden kann.“
Albert Camus – Der Mythos des Sisyphos, Rowohlt, Hamburg 1995, S. 99


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Veröffentlicht von

LYRIKJOB.COM

Anlaufstelle für Autorinnen und Autoren, die sich mit ihren Werken für literarische Ausschreibungen, Schreibwettbewerbe, Stipendien und Förderungen bewerben möchten. → http://twitter.com/lyrikjob

2 Gedanken zu „Sudor frigidus“

  1. Danke fürs Verlinken. Mittlerweile habe ich ein paar Lesungen mehr auf dem Buckel. Jedesmal bin ich total nervös, aber jedesmal über ich auch vorher noch mal die Texte, die ich lesen werde und gucke auch auf die Uhr wie lange es dauert. Auch das ist wichtig, um die Zuhörer nicht zu überstrapazieren. Jeder weiß, wie schwieirig es ist, sich lange auf etwas zu konzentrieren. Letztens erzählte mir eine befreundete Autorin, sie könne nicht so lange am Stück lesen. Das wäre dann das gegenteilige Modell: Die Leser ständig aus dem Lesefluss zu holen.
    Mein Rat: Übung macht den Meister! Außerdem sind wir doch alles nur Menschen, keinem wird der Kopf abgerissen, weil er sich mal verliest! :-)

  2. Hallo!

    Der Bericht wurde gewählt, um etwas von der jeweils ersten Lesung zu zeigen. Die dürfte ja bekanntlich die sein, die am meisten Kopfzerbrechen oder eben Lampenfieber verursacht. Wie das ist und wie das evtl. auch nicht ist…

    Leider berichten nur wenige so offen von ihren Erlebnissen als Schreiberling.

    Danke auch für deine zusätzlichen Tipps!

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